Hainichen ist eine Kleinstadt mit etwa 10 000 Einwohnern mitten in Sachsen, direkt an der Autobahn A4
zwischen Chemnitz und Dresden gelegen.
Die
erste Erwähnung Hainichens stammt aus dem Jahr 1276 im
Zusammenhang der Besiedlungszüge aus Hessen und Franken. Während anfangs die Leineweber- und
Tuchmachergewerke die Arbeitswelt der Stadt prägten, löste im 19. Jahrhundert der mechanische
Webstuhl die häusliche Produktionsweise ab.
Als Söhne der Stadt, die allgemeine Bedeutung erlangten, wären Michael Meurer (erst
Zisterziensermönch im Kloster Altzella, später einer der Reformatoren Ostpreußens, gestorben
1537 in Königsberg), der Dichter und Moralist Christian Fürchtegott Gellert (Professor in Leipzig,
gestorben 1769) und Friedrich Gottlob Keller (Entwickler des Holzschliffs, gest. 1895 in Krippen) zu nennen.
Mit den Siedlern kam das Christentum und so kann an der Ostseite des Marktes Hainichen einem früheren
Rathaus ein zunächst
hölzernes Gotteshaus vermutet werden, dem sicher bald ein
Steinbau
folgte. Bis heute kann nicht entschieden werden, ob es eine Michaelkirche war oder ob der früchristliche
Bischof Nikolaus als Schutzpatron der Gewerbetreibenden jener "alten"
Nikolaikirche den Namen gab. Jedenfalls erscheint die Kirche mit diesem Namen
bis zu ihrem Abriss 1905 bzw. ihrer Sprengung am 22.2.1906. Dazwischen lagen für die "Alte Kirche" oft
negative Ereignisse wie Stadtbrände, Blitzschläge, die Bausubstanz und Inventar veränderten und
Ende des 19. Jahrhunderts zu materiellen Schäden führten. Abriss oder Sanierung der alten
Stadtkirche hieß nun die Frage, an der sich der Meinungsstreit entzünden sollte.
Als zügiger Initiator für einen Kirchenneubau muss Pfarrer Dr. Otto Külz genannt werden (1882 bis
1910 Pfarrer in Hainichen). Nachdem der Kirchenvorstand die umstrittene Platzfrage fur einen Neubau zugunsten
des Pfarrfeldes (heutiger Standort mit Kirchenanlage) entschieden hatte, wurde somit der Beschluss vom
6. Juni 1895 zum Auftakt der Bauereignisse. Mit Billigung des Landeskonsistoriums in Dresden wurde dem
Entwurf des Geheimen Baurats Gotthilf Gustav Möckel aus Bad Doberan zugestimmt.
Möckel, die norddeutsche Backsteingotik des Doberaner Münsters vor Augen, verpflanzte diesen
Baustil als Neugotik über Preußen in das sächsische Binnenland und damit nach Hainichen.
So wurde nun ein einst wogendes Weizenfeld des Pfarrlehns zum Standort der künftigen Kirche,
für die am 9.9.1896 der erste Spatenstich getan wurde.
Das
Richtfest am 23.10.1897 vereinte Honoratioren aus Kirche und Stadt mit der
christlichen Gemeinde zum feierlichen Ereignis.
Und nachdem der Kirchenbau rasch vorangetrieben wurde,
konnten am 22.9.1898 die
Glocken der alten Kirche in die neue Glockenstube eingeholt werden. Ein
Probeläuten erklang zu aller Zufriedenheit.

Hainichens Kirchenglocken - im 17. Jahrhundert in Bronze
gegossen - wurden 1845 vom Glockengießer Gotthelf Grosse in Dresden wegen Schadens umgegossen und
sollten ab 1942 im 2. Weltkrieg das Schicksal anderer teilen, nämlich zu Kriegszwecken eingeschmolzen
werden. Doch es war ihnen anders beschieden: sie fanden sich auf dem Hamburger Glockenfriedhof unversehrt
wieder und konnten ab 1951 einer dankbaren Gemeinde wieder zu Gottesdiensten, anderen Anlässen und
Gebetszeiten läuten. 1960 wurde von der Firma Schilling (Apolda) die Gellertglocke umgegossen. Das
harmonische Geläut bildet einen C-Dur-Dreiklang. Die Gewichte der 4 Glocken verdienen erwähnt zu
werden: 1764 kg (C), 800 kg (E/Gellertglocke) 540 kg (G) und 225 kg (c).

Doch zurück zu dem sich vollendeten Kirchenbau. Ohne dass ein Arbeitsunfall während der Bauzeit
geschehen war, konnte der
28. Mai 1899 als Tag der Kirchweihe von allen Anwesenden froh und dankbar
begangen werden. Die neue Kirche wurde dem Dreieinigen Gott (trinitatis) geweiht. Die
Trinitatiskirche
wurde zum markanten Wahrzeichen der Stadt Hainichen und prägt seit 100 Jahren die Ansicht des Ortes.
Der 72 m hohe Turm ist schon von weitem auszumachen.
Architektur
und Ausstattung
Die
Kirche zeigt im Grundriss ein griechisches Kreuz bestimmt durch die weit ausladenden Seitenschiffe.
Das bis in die Vierungen heruntergezogene Rippenwerk erinnert an armenische Bauweise, mit der Möckel
vertraut war. Die lichte Höhe des Kirchenraums betragt 14 m, die Längsachse vom Turm bis zum
Altarraum misst 34 m, die Querachse beachtliche 33 m. Die Kirche hat insgesamt 1214 Sitzplätze. Das
Gewölbe wird von schlichter Rippenführung auf einen Schlussstein zu bestimmt.
Wenn der Besucher das mit Christus-, Apostel- und Reformatorenfiguren geschmückte Hauptportal
durchschritten hat, lädt ihn in der Vorhalle die
Gedächtnisstätte für die
Gefallenen beider Weltkriege zu friedfertiger Besinnung ein. 1960 wurde sie um das hier aufgestellte
neugotische Kreuz des ursprünglichen Altars gestaltet. In der Wand hat ein Pfeilerstein der alten
abgerissenen Stadtkirche seit 1932 seinen Platz gefunden, dessen Jahreszahl man bisher immer mit 1302
entziffert hat, aber nach neuerer Forschung wohl 1502 bzw. 1503 zu lesen ist.
Betritt man den eigentlichen
Kirchenraum mit den bereits genannten Maßen, so beeindrucken sofort die
farbigen Fenster, deren figürliche Gestaltung im Altarraum, Vierungen und den Seitenschiffen von
Prof. F. Geiges, Freiburg im Breisgau, stammt. Nach Umweltschäden und mutwilligen Zerstörungen in
den letzten Jahrzehnten konnten sie nach der Wende 1992/93 mit Fördermitteln denkmalsgerecht
restauriert werden. Sie stellen einen Höhepunkt neugotischer Glaskunst dar. Der ursprüngliche
Altar der Neugotik wurde 1959 durch einen schlichten Steinaltar ersetzt, der zum Träger eines barocken
Kruzifix von 1658 wurde, das einst im Chorraum der früheren Stadtkirche hing.

Links und rechts vom Altar fanden seit 1960 zwei wertvolle gotische
Altarschreine - um 1510
wahrscheinlich der sog. Oberbobritzscher Schnitzwerkstatt zuzuordnen - ihren würdigen Platz. Sie waren
Bestand der alten Stadtkirche und zeigen (rechts) die Heilige Sippe und (links) Bischof Nikolaus von Myra
mit Hl. Margarete und Hl. Katharina.
Der
Taufstein wurde von 0. Fiebiger aus Potsdam geschaffen, während Prof. A. Kasch aus Bad
Doberan für den figürlichen Schmuck (vier Evangelisten) am
Kanzelkorb, für die Gestaltung der
Wangen des
Kirchengestühls sorgte. Alle Skulpturen wurden aus Eichenholz geschnitzt, so dass bis
heute ein Holzwurmbefall ausblieb.
Das schlichte
Lesepult stammt von 1960. Die im Kirchenjahr wechselnden
Pararmente an Altar,
Kanzel und Lesepult wurden in der ehemaligen Handweberei im Hainichener Tuchmacherhaus gefertigt.
Hinter dem von A. Kasch gestalteten Orgelprospekt mit Hl. Caecilia und König David mit Harfe verbirgt
sich das Orgelwerk der Firma Wilhelm Sauer (Frankfurt/Oder) mit ca. 2000 Pfeilen, eine zweimanualige
pneumatische
Orgel mit 36 klingenden Registern, die, trotz mehrerer Eingriffe in der Vergangenheit,
zum einen leider nicht dem Ideal einer guten Orgel entspricht, darüber hinaus aber auch noch dringend
technisch überholt werden muss.
(mehr zur Orgel...)
Nach der Wende 1990 mussten und konnten dringende Sanierungsarbeiten am Kirchenbau in Angriff genommen
werden. Nach der Erneuerung der Kirchenfenster und dem Einbau einer neuen Heizungsanlage konnten Kirchturm
und Kirchendach saniert werden. Nach den abgeschlossenen Außenmaßnahmen müssen nun noch
eine vollständige Innenrenovierung und die Generalüberholung der Orgel folgen.